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Bildbar
100 Methoden zum Arbeiten mit Bildern und Fotos im Coaching, Training, in der Aus- und Weiterbildung, Therapie und Supervision
von Gut, Jimmy / Kühne-Eisendle, Margit (2014)
Buchvorstellung zum downloaden als
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  Buchvorstellung
Gestaltpädagogisch lernen und beraten.
Theorie, Praxis und Methoden für die Schule und andere pädagogische Arbeitsfelder. Von Svoboda Ursula, Gut Jimmy, Scala Eva (Hg.) 2012;
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Buchrezension
Heinz Kaufmann; Buchrezension Hubert Teml
 

Buchvorstellung
Selbstverantwortung fördern,
Individuelles Lernen begleiten

von Reichel, Rene / Svoboda, Ursula
(2008)

Die Modellschule Graz
Ein gestaltpädagogisch orientiertes Gymnasium

von Brie Presker
  Reaktivieren wir die politische Dimension der Gestaltpädagogik! auch als pdf
von Christine Tschötschel-Gänger
Gestaltpädagogik - Wachsen und Lernen
Persönlichkeitsentwicklung der Kindergartenpädagogin

von Ursula Svoboda

Anfang und Ende
Die ungel(i)ebten Seiten des Unterrichts
von Ursula Svoboda
zum downloaden als
PDF

letztes update 12/06/18

 

 

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Die Modellschule Graz
Ein gestaltpädagogisch orientiertes Gymnasium

von Brie Presker

Die Modellschule ist ein Privatgymnasium mit Öffentlichkeitsrecht, das im Jahr 1983 von einer Gruppe innovations- und experimentierfreudiger Eltern und Lehrerinnen/Lehrern gegründet worden ist. Von Anfang an war es das Ziel, Arbeits- und Organisationsformen zu entwickeln, die für alle Beteiligten „persönlich bedeutsames Lernen“ ermöglichen sollten.

Als Antwort auf verschiedene pädagogische Probleme haben wir als Gründer und Betreiber der Modellschule Initiativen entwickelt, von denen die bewährtesten hier skizziert werden sollen.
Die demokratische Organisation:
Mitglieder des Trägervereins sind nicht nur Mütter/Väter, Lehrerinnen/Lehrer, Erzieherinnen/Erzieher sowie das nichtpädagogische Personal, sondern auch alle Schülerinnen/Schüler.
Das drittelparitätisch aus Lehrerinnen/Lehrern, Eltern und Schülerinnen/Schülern zusammengesetzte Kuratorium tagt alle vier Wochen und entscheidet über alle wichtigen Belange der Schule und des Vereins.
Die Lehrerinnen/Lehrergruppe trifft sich wöchentlich in der Lehrersitzung und erörtert dort pädagogische und organisatorische Fragen. Mütter und Väter kommen einmal im Monat zu Klassenabenden zusammen, die Elternvertreterinnen/-vertreter tagen monatlich einmal im Elternforum.
Die Schülerinnen/Schüler besprechen die ihre Klassen betreffenden Themen im „Palaver“, klassenübergreifende Interesse werden im Schülerrat diskutiert.
Die demokratische Organisation der Modellschule erfordert freilich ein erhebliches Maß an Arbeit und Engagement. Sie wird indes von allen Beteiligten als außerordentlich wertvoll erlebt.

Die Ganztagsschule:

Die Schülerinnen und Schüler der Unterstufe bekommen einen Mittagstisch und werden am Nachmittag bis 17 Uhr kompetent betreut, lediglich der Mittwochnachmittag und der Samstag sind frei.
Diese Nachmittagsbetreuung ist allerdings nicht bloß als beaufsichtigte Zeit konzipiert. Vielmehr erstreckt sich der Unterricht in den einzelnen Fächern in den Nachmittag, wobei besonders Übungsphasen und zusätzliche Stofferläuterungen in dieser Zeit Platz finden. Dass hier auch die Hausübungen erledigt werden, bedeutet für die Eltern eine große Entlastung.

Der Modellschulunterricht:
Die Überschaubarkeit unserer Schule (acht Klassen zu höchsten 22 Schülerinnen/Schülern) ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass pädagogisches Neuland betreten und erforscht werden kann. Aber auch bewährte Unterrichts- und Erziehungsmodelle, die teils seit der Gründung der Modellschule bei uns entwickelt teils von anderen übernommen worden sind, haben ihren festen Platz in unserer pädagogischen Theorie und Praxis gefunden.
Hinzu kommt eine weitere Voraussetzung für die Fruchtbarkeit unserer pädagogischen Arbeit: Alle an der Modellschule Wirkenden und Lernenden erfahren beständig, dass die Wertschätzung des einzelnen eine unverzichtbare Basis für nachhaltiges Lehren und Lernen ist, das zudem Herz, Hirn und Hand zu engagieren hat. Solches wird möglich, wenn Lehrerinnen/Lehrer Fortbildungen absolvieren, in denen das bewusste Einbeziehen der eigene Gefühls- und Vorstellungswelt und der der Kommunikationspartner persönlichkeitsbildend vermittelt wird wie zum Beispiel in der Gestaltpädagogik.
Der Kanon der pädagogischen Formen ist breit gefächert: kognitives Lernen auf gesicherter methodischer Grundlage, fächerübergeifendes Arbeiten, projektbezogenes Erfahrungslernen, Lernen auf Reisen, Lernwerkstätten. An dieser Stelle sei auch verdeutlicht, dass die oben beschriebene Organisationsform der Modellschule die Schülerinnen/Schüler in ihren sozialen und emotionalen Fähigkeiten in besonderer Weise fördert.
In diesem pädagogischen Kontext ist auch der Schwerpunkt der Modellschule als Realgymnasium mit besonderer Berücksichtigung der Bildnerischen Erziehung zu betrachten. Wahrnehmungsschulung, Entfaltung der gestalterischen Ausdrucksfähigkeiten, Auseinandersetzung mit Kunst und visuellen Bereichen der Umweltgestaltung fließen als fächerübergreifende Prinzipien in unsere Unterrichtsarbeit ein.

Die Lernzielorientierte Leistungsbeurteilung (LOB):

Auch auf dem Gebiet der Schülerklassifikation hat die Modellschule durch eine Abkehr von der gewohnten Notenorientierung Neuland betreten. Durch die LOB wird der Weg zu den Lerninhalten wieder wichtig. Die Schülerinnen/Schüler konzentrieren sich vor dem Hintergrund einer LOB verstärkt auf die Bewältigung von Lernaufgaben und übernehmen so vermehrte Verantwortung für ihren eigenen Lernerfolg. Indem sie an konkret definierten Lernzielen ihre Fortschritte überprüfen können, erhalten sie differenziertere Rückmeldungen als durch Noten. Das bedeutet auch einen deutlicheren Anstoß, nicht Erreichtes gezielt nachzuholen. Eltern bietet die LOB große Transparenz über Leistungsstand und Leistungsbereitschaft ihrer Kinder.

Die Modellschule wird von allen dort Wirkenden als lernende Organisation begriffen. Lange vor dem Start verschiedener Schulentwicklungsprozesse in unserem Lande war die Modellschule bereits eine Stätte praktizierter Schulentwicklung und konnte ein prägnantes Schulprofil vorweisen.
Zwar hat die Grazer Modellschule noch immer ein wenig das Flair einer exotischen Versuchsschule. Dennoch hat sie sich in der österreichischen Schullandschaft klar positionieren und in diversen Rankings Spitzenplätze erobern können.


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Gestaltpädagogik - Wachsen und Lernen
Persönlichkeitsentwicklung der Kindergartenpädagogin

von Dr. Ursula Svoboda

Kennen Sie die Situation?

Alexander und Julian streiten. Kann man nichts machen - Kinder streiten eben! Nach außen bleibe ich ruhig, versuche mit den Kindern das Problem zu lösen. Aber wenn ich ehrlich bin, muss ich mir eingestehen: Ich habe innerlich Partei ergriffen. Mich ärgert Alexander auch. Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Ich bin überhaupt durch ihn leichter gereizt als durch andere Kinder. Manchmal ist es sogar dasselbe Wort, derselbe Streich und ich werde sauer ....eben nur bei Alexander, nicht so schnell bei den anderen. (Erika)

Elterngespräch an der Tür. Die Mutter sagt: „Lena hat schon wieder Husten!“ Ich fühle mich angegriffen und beginne mich zu verteidigen. (Ich habe immer darauf geachtet, dass die Kinder gut angezogen sind, als wir draußen waren.) Das Gespräch entwickelt sich unbefriedigend. Abends geht es mir noch immer durch den Kopf. Aber vielleicht wollte mir Lenas Mutter gar keinen Vorwurf machen? Vielleicht hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Lena trotz Erkältung in den Kindergarten bringt? Oder sie wollte mir ihre Sorge mitteilen, weil die zarte Lena seit Wochen eine Erkältung nach der anderen hat? (Michi)

Teamsitzung – das Sommerfest soll geplant werden. Aber die Stimmung ist angespannt, verkrampft. Gerade, als ich etwas ansprechen will - gestern war da so eine kurze giftige Situation zwischen einer Kollegin und ihrer Helferin -, da fragt die – genau die – Kollegin, ob sie heute früher gehen könnte, sie muss noch was Dringendes erledigen. (Simone)

Der Kindergartenalltag sieht meist ganz anders aus, als die vielen Bücher erzählen. Da gestaltet man eine (gut vorbereitete) Umgebung, überlegt sich viele Anregungen und Spiele, schreibt Wochenpläne und Konzepte. Und dennoch: Die vielen kleinen Probleme zwischendurch mit Eltern, Kolleginnen und Kindern zehren an der Substanz. Der Arbeitsalltag ist neben aller Freuden und Erfolge auch mühsam und immer wieder gibt es unlösbare Probleme, schwelende Konflikte, kleine und große Schwierigkeiten.
Was mache ICH nicht richtig, fragen sich viele Kindergärtnerinnen und stellen damit sich selbst in Frage.
Genau an diesem Punkt setzt ein pädagogisches Konzept an und verspricht gangbare Wege.
Gestaltpädagogik – was ist das?

Gestaltpädagogische Fortbildung: Vom Sollen zum Sein!

Alltagsgeschichten sind immer wieder auch Thema einer gestaltpädagogischen Fortbildung. Denn in der Gestaltpädagogik steht zunächst die Pädagogin im Blickpunkt, erst später das Kind.
Die Erzieherinnen erforschen ihre Motivationen und unbewussten Steuerungen indem sie sich mit ganz individuellen Fragen beschäftigen:
Wie war meine eigene Erziehung? Welche Menschen haben mich gefördert und gefordert? Wie haben sie das getan? Wie wären diese an ihre momentanen Probleme herangegangen?
Was sind meine inneren Verbote und Gebote, meine Ansprüche und wie steuern sie mich im Alltag?
Persönliche Stärken und Schwächen sowie biographische Muster werden reflektiert und es wird überprüft, wie diese Muster den eigenen pädagogischen Stil beeinflussen.

Das ist für die meisten Kindergartenpädagoginnen eine neue Erfahrung, da sie aus der Ausbildung gewohnt sind, eher darüber nachzudenken, wie sie pädagogisch sinnvoll handeln und sich verhalten sollten - wie sie sein sollten , aber nicht wie sie sind und sich dabei fühlen!

Durch diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewordensein und den Gefühlen kommt ein Prozess in Gang, der einen wohlwollenden und gleichzeitig kritischen Kontakt zu sich selbst und zu den anderen herstellt. Sich selbst mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und „Erleidnissen“ (Viktor Frankl) zu kennen verändert die Sichtweise und in der Folge die Verhaltensweise zu anderen Menschen – man selbst wird aufmerksamer, der Umgang miteinander wird achtsamer. PädagogInnen, die ihre eigenen Gefühle wahrnehmen und annehmen, können auch die Befindlichkeiten der Kinder respektieren und mit ihnen angemessen umgehen.

Kontakt – Was bedeutet das?

Die Gestaltpädagogik sieht die menschliche Entwicklung als Kontaktprozess.

- Kontakt zu sich selbst:

Wenn ich mich selber verstehe und kenne, kann ich bewusster mein Verhalten steuern. Vor allem aber kommt durch das Erforschen der eigenen Geschichte eine paradoxe Reaktion in Gang: Ich verstehe meine Geschichte, meine Eigenarten und beginne mich zu mögen. Und wenn ich vorher oft darüber gedacht habe: das und das sollte ich ändern, beginne ich jetzt zu akzeptieren, dass ich bin so wie ich bin.

- Kontakt zu den anderen:

Die Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu sein ist die Voraussetzung zur Kontaktfähigkeit mit anderen.
Ich lasse sie sein, so wie sie sind. Ich muss nicht immer daran denken, wie sie sein sollten und wohin ich sie erziehen soll (schulfähig, sozial, ,,,) Ich vertraue auf die selbstorganisierenden und selbststeuernden Kräfte im Kind.
Im Kontakt mit ihnen kann ich mich öffnen und einbringen und mich auch abgrenzen . Ich bin in Kontakt mit der Situation und reagiere flexibel auf das was kommt.

- Kontakt zum Thema:

In der Folge werden für die pädagogische Arbeit im Kindergarten nicht irgendwelche Themen interessant, sondern Themen, die eine persönliche Bedeutsamkeit haben, zu denen die Kinder leicht (persönlichen) Kontakt herstellen können. Auch die neue Hirnforschung belegt diese eher philosophische Grundhaltung. Sie sagt, dass emotional wichtige Themen die Aufmerksamkeit verstärken und die Gedächtnisleistung intensivieren.


Aber wie mache ich das?

Gestaltpädagogik ist keine Methode und konzentriert sich nicht auf die Erweiterung eines Methodenrepertoires oder die Übernahme bestimmter Planungsschritte wie andere pädagogische Konzepte.
Das erscheint auf den ersten Blick als Mangel, auf den zweiten Blick als Chance. Ich kann mich an keinem äußeren Methodengerüst anhalten. Ich bin in Krisensituationen auf mich zurückgeworfen. Gestaltpädagogisch arbeitende Pädagoginnen gehen davon aus, dass sie die richtige Methode finden werden, wenn sie „bei sich“ und zugleich „ganz in der Situation“ sind. Und dann geschieht häufig etwas Paradoxes: Die Persönlichkeit ist das was wirkt, nicht die Methode.
So fehlt dieser pädagogischen Richtung fast jedes Ungewöhnliche oder Spektakuläre.
Mehr als alles andere geht es der Gestaltpädagogik um die Entwicklung einer pädagogischen Haltung.
Diese Haltung kann man dadurch erkennen, dass der Kindergarten mehr und mehr „Möglichkeitsraum“ für Kinder wird, in dem sie „eingeladen“ werden, Inhalte und Aspekte aufzugreifen, sich auf neue Entwicklungsschritte einzulassen. Dadurch wird die Planung offen, situationsorientiert, individuell. Lernen wird als „Wachstumsprozess“ verstanden. Ziele, Wege und Zeitstrukturen werden individuell gesehen und Kinder mehr „gelassen“ als „erzogen“. Die Atmosphäre in der Gruppe ist “bestärkend“.
Diese Haltung kann man auch an einem Realismus im Blick auf das Machbare erkennen, ohne das Visionäre aus dem Auge zu verlieren. Die Ansprüche an sich selbst und die anderen werden überprüft.

Zurück zu den Ausgangsbeispielen:


Erika entdeckt in ihrer gestaltpädagogischen Fortbildung , dass Alexander sie an ihren eigenen Bruder erinnert, der immer alles durfte, während sie die vernünftige große Schwester sein musste. Diese Erkenntnis macht es ihr nun leichter, Konflikte mit Alexander zu lösen.

Bei Michi werden seit der gestaltpädagogischen Fortbildung Elterngespräche entspannter. Sie hat sich im Laufe der Selbsterfahrung mit ihren eigenen Ansprüchen auseinandergesetzt.

Simone lernt in den gestaltpädagogischen Seminaren Konflikte im Team direkter anzusprechen und verliert ihre Angst vor Missstimmungen.

Resumee:

Persönliche Entwicklung fördert die berufliche Kompetenz. Sie macht Kindergarten-pädagoginnen damit zufriedener und auch pädagogisch wirksamer.

Literatur zum Thema:
René Reichel, Eva Scala: Das ist Gestaltpädagogik. Ein Lehrbuch für die Praxis. Ökotopia 1996
Jörg Bürmann / Jürgen Heinel (Hrsg.) : Früchte der Gestaltpädagogik. Ermutigte Lehrer – motivierte Schüler: 20 Beispiele. Klinkhardt 2000

Gestaltpädagogik kurz und bündig

Gestaltpädagogik ist ein umfassendes Konzept ganzheitlicher Pädagogik. Sie verbindet die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der Humanistischen Pädagogik und Psychologie (Gestalttherapie, Psychodrama, TZI = Themenzentrierte Interaktion, personenzentriertes Lernen, Gruppendynamik und systemische Konzepte) mit europäischen Traditionen der Reformpädagogik.

Ziele der Gestaltpädagogik:


1. in Bezug auf die PädagogInnen:
- Steigerung von Selbstwahrnehmung in der Berufsrolle, in Bezug auf die eigene Persönlichkeitsstruktur und die Erziehungs- bzw. Lerngeschichte.
- Fähigkeit zur erweiterten und differenzierteren Wahrnehmung der anvertrauten Kinder
- Fähigkeit zum Anbieten von Freiräumen wie zum Erkennen und Setzen von Grenzen
- Verbesserung der Handlungsfähigkeit in der Institution

2. in Bezug auf die Kinder / SchülerInnen :
- Ganzheitliches Lernen und Arbeiten
- Beachten des Gruppenprozesses
- Wertschätzung der Vielfältigkeit und Verschiedenheit der Menschen
- Bearbeitung individueller emotionaler Entwicklungsblockaden

Inhalte und Arbeitsweisen:

- Integration von kognitiven , emotionalen und körperlichen Aspekten von Entwicklung und Lernen
- Erkennen von Themen, die für die Gruppe oder den / die Einzelne(n) persönlich bedeutsam sind
- Förderung selbstorganisierter Lernprozesse

Hier geht es um uns!

Im Blickpunkt der Gestaltpädagogik steht zunächst die Pädagogin selbst, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit und ihrer beruflichen Identität. Der wohlwollende und kritische Kontakt zu sich selbst begleitetet alle Arbeitsschritte gestaltpädagogischer Fortbildung.


Wie wirkt gestaltpädagogische Fortbildung?


Das Zentrum für Kindergartenpädagogik der NÖ Landesregierung hat in den letzten Jahren zwei Lehrgänge ausschließlich für Kindergärtnerinnen durchgeführt. Ein weiterer läuft zur Zeit.
Die 35 Absolventinnen der beiden abgeschlossenen Lehrgänge wurden im Juni 2002 mit einem anonymen Fragebogen zur Wirkung der gestaltpädagogischen Fortbildung befragt. (Lehrgang 1 liegt zum Zeitpunkt der Befragung bereits 2 Jahre zurück, Lehrgang 2 wurde gerade beendet.) Das Durchschnittsalter liegt bei 17 Dienstjahren.

Ergebnis:

Die Teilnehmerinnen beurteilen den Lehrgang rückblickend als „stützend“, „ermutigend“, „stärkend“ und beschreiben sich selbst in ihrem beruflichen Selbstverständnis seither mit den Begriffen „gelöst“, „gelassen“, „entspannt“.

Interessant ist das Ergebnis, da – entgegen dem gelegentlichen Vorwurf, Fortbildung mit Selbsterfahrung diente überwiegend dem privaten Leben und weniger dem Beruf – die Auswertung klar ergibt, dass Gestaltpädagogik wohl auch Verbesserung in anderen Lebensbereichen fördern konnte, aber die positiven Veränderungen im beruflichen Bereich deutlicher sind.

Bei der Frage:
„Wie hat der Lehrgang deine Arbeit beeinflusst:
Im Umgang mit Kindern, im Umgang mit dem Team, im Umgang mit den Eltern“
wird eine eindeutige Verbesserung in allen Bereichen verzeichnet. Dieses Ergebnis bestätigt eine gestaltpädagogische Grundthese: Wem es gelingt, mit sich selbst wertschätzender und konstruktiver umzugehen, dessen Kontakt zu andern verbessern sich fast automatisch.
Bei dem Punkt: “im Umgang mit dem Träger und dem Land“ ist die Verbesserung nicht ganz so stark, aber immerhin deutlich.

In der Folge sollen noch einige Teilnehmerinnen zur Sprache kommen, die Ihre Erfahrung im Lehrgang und seine Wirkung im beruflichen Alltag beschreiben:

„Vorrangig ist vor allem die Selbsterfahrung zu nennen, die sich auf die Persönlichkeitsentwicklung sehr positiv auswirkt. Die eigenen Stimmungen in den vielen Rollen, die wir im Alltag innehaben können dadurch vielschichtiger wahrgenommen werden . Die Art der Beobachtung hat eine andere Dimension bekommen. Kontakte und Prozesse haben an Tiefe gewonnen , Reflexionen sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit geworden.
Diese neuen Erfahrungen – die früher auch bewusst waren, aber nicht diese Bedeutung hatten - zeigen sich in der Gestaltung des Kindergartenalltags, in dem den Kindern ein sehr hohes Maß an Mitbestimmung und Eigenverantwortung eingeräumt wird.“
(Marlies)

„Es war für mich unendlich wichtig, mich mit mir intensiv auseinander zu setzen. Durch das Anschauen meiner Entwicklungsgeschichte verstehe ich meine Handlungsmuster und Reaktionen besser.
Erst wenn ich mich anschaue und kenne, kann ich weitere Schritte unternehmen, ansonsten trete ich erfolglos auf dem Stand.“
(Waltraud)

„Die zwei Jahre waren auf alle Fälle eine Zeit der persönlichen Entwicklung und Veränderung. Diese Veränderung hat sich natürlich auch in meiner Tätigkeit gezeigt. Durch Änderung mancher Haltung oder Einstellung gehe ich an Probleme oftmals mit anderer Sicht heran, bleibe ruhiger und überlegter, lasse mich nicht so schnell zu überstürztem Handeln bewegen sondern ziehe ein breiteres Spektrum von Problemerklärungsmodellen und Lösungsvorschlägen in Erwägung. Ich habe gelernt, mehr bei mir , in meinem Hier und Jetzt zu sein und achtsamer auf die Stimme aus meinem Inneren zu hören.“ (Gabriele)

„Wenn ich über Veränderungen in meinem Berufsalltag seit der gestaltpädagogischen Fortbildung nachdenke, fällt mir vieles ein:
* Jeder Mensch ist in einer Gruppe sehr wichtig, so wie jedes Kind in der
Kindergartengruppe. Und zwar durch sein SEIN , seine einmalige Art, nicht nur durch das, was es kann und leistet. Das Annehmen jeder "unterschiedlichen Art" ist eine große Herausforderung, die mir seit dem Lehrgang wirklich Spass macht. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, diese Unterschiedlichkeiten in der Gruppe als Gewinn zu sehen und aufzugreifen.
* Die "vorbereitete Umgebung " war (und ist) mir sehr wichtig. Seit dem
Lehrgang ist mir die Bedeutung der "vorbereiteten Erzieherin" mindestens ebenso wichtig.
D. h. : Der Mensch ist wichtiger als Material!
* Ich habe Sicherheit im Umgang mit Elterngesprächen und durch verschiedene Methoden gewonnen und gelernt, mich in schwierigen Gesprächen zu üben.
Habe gelernt, mit autoritären Männern (Vätern) besser umzugehen. Begegne
ihnen lächelnd und sicher.
* Gelassenheit in vielen Dingen : In Bezug auf Eltern, aber noch mehr im
Kindergarten habe ich gelernt, nicht für jedes Problemchen zuständig zu sein sondern auszuwählen und immer wieder neu zu entscheiden, wo mein Arbeitseinsatz liegen muss.“
(Maria)

„Als ich die Ausbildung begann, fragten die Kinder nach dem ersten Kurs ganz gespannt, was ich ihnen denn für neue Spiele mitgebracht hätte. Ich aber erklärte ihnen, das sei ein Kurs für mich, dass ich mich gut fühle, und dann geht es uns auch gemeinsam besser. Erstaunen in den Kindergesichtern?!
Nach längerer Zeit – ich habe wohl doch einiges für die Kinder mitgebracht, und es hat sich in der Gruppe was verändert – strahlt mich ein Vorschulkind an: „Du ..., warst du wieder beim Gute-Laune-Kurs? Das war lustig heute, als du dich so schön geärgert hast. Kann meine Mutti auch mal dort hingehen, die ist nie so?“
(Karin)

Autorin: Ursula Svoboda, Pädagogische Akademie der Diözese Linz
Erschienen in: "Unsere Kinder" 5/03


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Arbeitsmaterial-Vorstellung
Bildbar – Das KartenSet
von Gut, Jimmy / Kühne-Eisendle, Margit (2014)

Passend zum Methodenband Bildbarumfasst das KartenSet 50 metaphorisch starke Fotomotive auf strapazierfähigem Karton (22cm x 15 cm). Die ausgewählten Bildmotive sind besonders im Coaching, Training, in der Aus- und Weiterbildung, Therapie und Supervision geeignet.

Materialvorstellung Bildbar
100 Methoden zum Arbeiten mit Bildern und Fotos im Coaching, Training, in der Aus- und Weiterbildung, Therapie und Supervision.
1 Einleitung
Wir arbeiten gerne mit Menschen und begleiten diese in ihren Prozessen. In Seminaren, Lehrgängen, Change-Prozessen, in Coaching, Supervision und Therapie ist es uns wichtig, dass sie einen Zugang zu ihrer inneren Erlebniswelt finden, ihre Gefühle wahrnehmen und mit ihrem Handeln in Verbindung bringen können.

In unserer Arbeit mit Menschen haben kreative Medien, und somit die Arbeit mit Bildern, seit vielen Jahren einen festen Platz.

Jahrelang haben wir Kalenderblätter gesammelt, Bilder aus Zeitschriften wie Geo, Ferment, ... herausgelöst, Freecards gesammelt, Postkarten gekauft und in unserer Arbeit mit Einzelnen und Gruppen situationsbedingt eingesetzt. Wir könnten wohl viele Körbe mit solchen Bildern füllen.

Um unseren persönlichen Fotos einen  Platz  auf  der  „BilderErde“  zu  geben,  haben wir beschlossen, unsere Fotoarchive durch zu stöbern und nach geeignetem Bildmaterial für unsere Arbeit zu suchen. Unsere Freude auf Reisen und im Alltag zu fotografieren und den Blick auf spezielle, besondere Motive oder eher Außergewöhnliches zu werfen, entwickelte sich zu einem riesigen Fundus an eigenen Bildern. Die Freude an unseren Fotos und die Idee, „irgendwann  irgendwas“  damit  zu  machen,  der  Bedarf  an  Fotokarten,  die  auch  altersbedingt kurzsichtige Menschen gut sehen können, hat schließlich dazu geführt, im Eigenverlag ein Karten-Set herauszugeben. Im November 2013 entstand unsere Impulsbilder-Sammlung „sichtWEISEnd“.

Die positiven Feedbacks von Kunden und befreundeten Trainerinnen und Trainern zu den Bildern und die immer wiederkehrenden Fragen, wie man diese denn methodisch sinnvoll einsetzen kann, hat uns motiviert, unsere jahrelang gereiften Methodenkenntnisse zu veröffentlichen. Wir freuen uns, dass auch ein paar erfahrene Kolleginnen und Kollegen eine Methode  für  unser  Buch  „Bildbar“  beigesteuert  haben. Während des Schreibens haben wir nochmal weitere 50 Bildkartenmotive aus unserem Fundus ausgewählt, die die Methoden dieser Sammlung besonders gut ergänzen. Hieraus entstand das  „Bildbar-KartenSet“.   Selbstverständlich lassen sich die in diesem Buch dargestellten Methoden auch mit anderem Bildmaterial umsetzen.

Wir wünschen Ihnen viel Spaß, Inspiration, neue Erfahrungen, kreative Gedanken und spannende Prozesse bei der Arbeit mit unseren Methoden und den Bildern.
Wir freuen uns über Rückmeldungen, über neue Methodenideen die wir gerne in unsere Sammlung aufnehmen, über Weiterentwicklungen und Erfahrungen.


2. Arbeit mit Bildern
Menschen denken und fühlen in Bildern, die sie dann in Sprache übersetzen. Bilder können auch Metaphern sein, für etwas, was wir schon bewusst oder unbewusst kennen, für Dinge, an die wir uns erinnern, für Gefühle, die uns berühren. Die Gehirnforschung sagt, dass ohne Metaphern keine Gefühle entstehen können. Der Zugang zu den Gefühlen ist wichtig, um das Leben ganzheitlich erfassen zu können.

Berater/-innen bzw. Coachs können oft mit Klienten/-innen keine Lösung finden, wenn sie sich nur der Sprache bedienen. Wir können Menschen durch Bilder bzw. Symbole eine Sprache geben, wenn ihnen dazu die Worte fehlen. Bilder und Symbole können somit zu hilfreichen Dolmetschern werden.

Metaphernbilder enthalten immer Botschaften. Botschaften, die zur inneren Erlebnis- und Gefühlswelt führen und die Auseinandersetzung mit persönlich bedeutsamen Themen ermöglichen.

Das „Lesen  von  Bildern“ kann dabei helfen, Gedachtes und intuitiv Gespürtes zur Sprache zu bringen und eine Verbindung zwischen Bewusstem und Unbewusstem schaffen.

Die  „herausgelesenen“    Deutungen inspirieren für Neues – wenn es um Lösungsansätze, das Erweitern des Handlungsspielraums oder um neue Ideen geht. Diese Interpretationen können dabei ungewöhnliche Blickwinkel eröffnen, regen Fantasie und Kreativität an.

Die Bedeutung eines Bildes lässt sich nicht einfach bestimmen, denn es bildet keine Wirklichkeit ab. Jeder Mensch gibt einem Bild seine eigene „Be-Deutung“. Diese kann je nach Fokus sehr unterschiedlich sein. Die Deutung kann innere Prozesse bei einem Menschen oder Kontaktprozesse zwischen Menschen anregen.

In einem Bild mit Besenmotiv sieht die eine Person beispielsweise Arbeit, Mühsal, Leistung, Perfektionszwang – eine andere Person denkt an Hexen, an davonfliegen, an Freiheit, an „Alles  ist  möglich“,  an  Zauber  und  eine  dritte  Person  denkt  an  „Neue Besen  kehren  gut“, an Veränderungsprozesse, an Chancen.

Die (persönliche) Be-Deutung von einem Bild kann wahrgenommen und in Sprache übersetzt werden. Wahrnehmung spielt eine wichtige Rolle in der Arbeit mit Bildern. Wahrnehmen ist mehr als die erste Aussage, die jemand aus einem Bild herausliest. Sie verbindet die individuelle Aussage mit dem persönlichen Erleben in der aktuellen Situation.

Bilder  
...  schaffen eine Verbindung zwischen Unbewusstem und Bewusstem, indem sie durch das Dargestellte den Betrachtern ermöglichen, intuitiv Gespürtes in Sprache zu bringen
...  helfen weiter, wo Sprache einschränkt
...  weichen eingefahrene Denkmuster auf
...  inspirieren,  lösen  Gefühle,  Erinnerungen  und  Emotionen  aus
...  schaffen  einen  Zugang  zu  eigenen  Ressourcen
...  bringen Menschen auf neue Gedanken, erweitern den kognitiven Spielraum
...  regen Identifikationsprozesse an
... eröffnen ungewohnte Blickwinkel, sie regen die Fantasie und Kreativität an
... regen, in Bezug auf ein bestimmtes Thema, neue Gedankenprozesse an
...  sind  ein  geeigneter Einstieg in eine vertiefende Arbeit
...  sind  ein  niederschwelliger  Zugang  zu  kreativen  Medien und erfordern kein kreatives Outing der Teilnehmer
...  sind  rasch  zur  Hand  und  eingesetzt


3. Anregungen zum Einsatz der Methoden

- Navigation leicht gemacht: Die Methodenbeschreibungen sind alphabetisch geordnet. Die passende Methode Ihrer Wahl finden Sie mithilfe der Übersichtstabellen.
- Viele der Methoden sind so angelegt, dass die Teilnehmer oder Klienten angeleitet werden, nachzuspüren, wie es in Bezug auf die Bildinformation im Hier und Jetzt gerade ist. Sie werden ermutigt, ihre Körperspannung und Gefühle wahrzunehmen und diese in Worte zu fassen.
- Unsere Erfahrungen zeigen einen bemerkenswerten Unterschied, ob die Methoden im Sitzen oder im Stehen durchgeführt werden. Im Stehen ist die Wahrnehmung für Klient/-in und Coach bzw. für Teilnehmende und Trainer/-in besser, und der Aktionsradius ist größer. Mit dem, was bewusst wahrgenommen wird, kann weitergearbeitet werden.
- Um die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der Bildkarten zu verdeutlichen, haben wir verschiedene Situationen aus unserer beruflichen Praxis beschrieben. Diese sind beispielhafte Darstellungen zu einem besseren Verständnis der Methoden. Nach unserer Erfahrung kann die Arbeit mit Bildern sowohl Trainings bereichern als auch Coachings, Supervisionen oder auch therapeutische Formate.
- Die allermeisten Vertiefungsmethoden können dazu eingesetzt werden, einen (Beratungs-)Prozess zu unterstützen. Dies bedeutet, dass es oft ein  „davor“ und ein „danach“ gibt, welches die Beraterin/der Berater gestaltet. Diese Aufgabe liegt in ihrer/seiner Verantwortung. Wir haben hier bewusst darauf verzichtet, ausführliche Beratungsprozesse zu beschreiben und die Ausführungen lieber möglichst knapp gehalten. Systemische Fragestellungen eigenen sich grundsätzlich gut für die vertiefende Weiterarbeit mit den Bildern.

Gendergerechte Formulierung
Aufgrund unseres Genderbewusstseins und der Lesefreundlichkeit sind 50 % der Methoden in weiblicher und 50 % in männlicher Form beschrieben.
Margit Kühne-Eisendle und Jimmy Gut


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Reaktivieren wir die politische Dimension der Gestaltpädagogik !
Christine Tschötschel-Gänger


1. Die Rahmenbedingungen des beruflichen und privaten Alltags haben sich stark
verändert und zeigen Auswirkungen auf die Qualität von Selbsterfahrungstrainings.


Selbsterfahrungstrainings sind ein Spiegel von Arbeits - und Ausbildungsverhältnissen. Einerseits bringen Menschen ihre Lebensthemen dort ein, andererseits ist Selbsterfahrung in vielen Berufsbildern zu einem Ausbildungsbestandteil geworden. So werden in diesem Spiegel gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Veränderungen sichtbar und wirksam.
Seit der Ausbreitung neoliberaler Wirtschaftspolitik orientiert sich die Qualität von Arbeit und Ausbildung auch im psychosozial/pädagogischen und im Gesundheitsbereich zunehmend einseitig an wirtschaftlichen Kriterien.
"Quality management", an sich ein neutrales Instrument zur Realisierung von Qualitätskriterien, wird primär eingesetzt zur Absicherung unternehmerischer Interessen. Qualitäts-Anforderungen werden top-down – von oben herab - definiert und orientieren sich vorrangig an Produktionsabläufen, Produktqualität, Kundenzufriedenheit, Kosteneffizienz, Auftraggeber-Zufriedenheit.
Für viele ArbeitnehmerInnen jedoch hat sich die Qualität ihres Arbeitsalltag verschlechtert. Arbeit ist ein existentieller Faktor, der viel Lebenszeit einnimmt und der Selbstwert und Identität eines Menschen beeinflusst. Ein Mitspracherecht über die Qualität ihrer Arbeitssituation („bottom - up“) ist innerbetrieblich jedoch kaum vorgesehen – es sei denn die Betreffenden organisieren sich gewerkschaftlich. MitarbeiterInnen, Auszubildende und Studierende werden in ihren qualitativen Potentialen - wie z.B. Kreativität, zwischenmenschliche Wärme, Eigeninitiative, Eigenverantwortung – mehr und mehr unterfordert und demotiviert. Stattdessen kommt es zu einer quantitativen Überforderung – durch zunehmenden Zeitstress, Leistungsdruck und durch überbordende Dokumentationspflichten, welche der – top down definierten - Qualitätskontrolle dienen sollen.
In diesem Zusammenhang hat sich das ursprünglich emanzipatorische Anliegen von Beratung, Psychotherapie und Selbsterfahrung verändert. Die Freisetzung persönlicher Potentiale und eine eigenverantwortliche Lebensgestaltung waren das essentielle Ziel der humanistisch orientierten Selbsterfahrungskonzepte. Die Befreiung von unhinterfragten normativen Zwängen, die vorbehaltlose Wahrnehmung: "Es ist, was es ist" und die Annahme des: "Ich fühle, was ich fühle" erscheint unter dem Druck des Funktionieren - Müssens zunehmend als riskanter Luxus. Viele junge Arbeitssuchende und ArbeitnehmerInnen suchen jetzt „Selbstoptimierung“, um den vorgegebenen Standards gewachsen zu sein. "Selbstmotivation", "Zeit – und Stressmanagement", "Abgrenzungsstrategien", der „richtige Auftritt“ sollen trainiert werden. Diese Fähigkeiten können strategisch durchaus notwendig sein, werden aber in der Rezeption von Selbsterfahrungstrainings oft als heimlicher Lehrplan ("hidden Curriculum") wirksam und unreflektiert als Persönlichkeitsnormen verinnerlicht. Beratung und Selbsterfahrung werden dann zu einem Instrument der Selbstunterwerfung.
Angesichts zunehmender beruflicher Überforderung erscheint es oft unmöglich, den Zusammenhang zwischen persönlichen Notlagen und dem propagierten Neoliberalismus aufzugreifen und für sich angemessene Handlungsmöglichkeiten zu finden, die über die reine „Selbstverbesserung“ hinausführen. Die individualisierende Erklärung von verstörenden Erfahrungen wie Burnout, Mobbing, Arbeitsplatzverlust hat Hochkonjunktur: „Du kannst nur Dich selbst ändern, darauf hast Du Einfluss!“ „Es ist Dein persönliches Versagen, wenn Du nicht klarkommst! Du passt nicht hierher!“ „Es gibt viele Andere, die Deinen Job gern machen!“
Der Mythos der Naturgegebenheit und der scheinbaren Konkurrenzlosigkeit des in dieser Weise Kälte und Härte erzeugenden neoliberalen Wirtschaftens bewirkt Ohnmacht. Oft wird diese bewältigt durch Rückzug in den Konsum, in die Faszination esoterisch vermarkteter Selbstbespiegelung - solange die finanziellen Mittel vorhanden sind. Oder das seelische Gleichgewicht wird durch die Pflege von Feindbildern aufrechterhalten.
Der in den Medien täglich litaneiartig beschworene Mythos der Naturgegebenheit und der scheinbaren Konkurrenzlosigkeit des neoliberalen Wirtschaftens führt zu Denkverboten. Wenn wir diese jedoch boykottieren, so ist ein Wirtschaftssystem vorstellbar, in welchem alle Menschen ein Recht auf einen ihren Fähigkeiten und Ressourcen angemessenen guten Platz haben. Auch die als als nicht fit (übersetzt :„nicht passend“ !!) Abgeurteilten: die "Weichen", "Langsamen", "Dünnhäutigen", „Hyperaktiven","seelisch Verletzten","Behinderten", "Widerspenstigen","Erschöpften". Es darf nicht mehr darum gehen, die Menschen einseitig dem System anzupassen, sondern das System ist so zu justieren, dass es allen Menschen einen Platz bietet, wo sie für sich und die Allgemeinheit etwas zum Blühen bringen können.
Dazu bedarf es politischer Entscheidungen. Es ist nicht naturgegeben, dass die Reichsten 5 % einer Gesellschaft, welche 50 % des Vermögens besitzen, aus Langeweile noch eine weitere Yacht kaufen können. Es könnte ein Ergebnis politischer Prozesse sein, dass diese einen Teil ihrer in den letzten 20 Jahren unverhältnismäßig angewachsenen Vermögen zurückgeben müssen und in Zukunft weniger Gewinn entnehmen dürfen. Damit Arbeit – ebenso wie Ausbildung - nicht mehr einseitig dem Diktat der Ökonomie unterworfen ist. Damit jeder Mensch seine Potentiale und seine Kreativität in ihm gemäßer Form einbringen und so dem „Gemeinwohl“ dienen kann.

2. Gestaltpädagogik als ganzheitlicher Ansatz könnte sich der Herausforderung stellen,
die theoretisch immer schon vorhandene politische Dimension in der Seminar - und
Lehrgangspraxis stärker zu thematisieren.

In den von uns verwendeten Konstrukten ist die politische Dimension immer schon vorhanden, z.B. im Menschenbild der integrativen Therapie: "Der Mensch...ist ein Körper - Seele –Geist - Wesen ... im sozialen und ökologischen Kontext im Zeitkontinuum“. (Petzolt 1974)
Paul Goodman (zB 1975) ermutigt ausdrücklich zu politischen Prozessen. Das TZI-Modell Ruth Cohns 1975 - im gestaltpädagogischen Kontext oft angewendet, benennt den „Globe“ als Dimension des Politischen. Das gesamte Spektrum von Mikro-, Meso- und Makro-Ebene (1) wird bereits in den theoretischen Fundamenten der Gestaltpädagogik integriert.
An Einfluss auf den "Globe", gewann Gestaltpädagogik im Bildungsbereich, als sie sich in den 80er und 90er Jahren im deutschsprachigen Raum etablierte. Bildungseinrichtungen waren interessiert an humanistisch orientierten, ganzheitlichen Zugängen. Nicht ohne Grund verbreiteten sich gestaltpädagogische Ansätze in vielen Weiterbildungen und Ausbildungen im psychosozial - pädagogischen Bereich: in der Einführung von Selbsterfahrung, im Aufgreifen ganzheitlicher pädagogischer Methoden, in einer Seminardidaktik mit Augenhöhequalität.
Inzwischen ist das oft anders; innerhalb von Institutionen erzeugen wir mit unserem Ansatz vielfach Reibungswiderstand. Methoden zum Training von social skills haben Vorrang vor emanzipatorisch wirksamer Persönlichkeitsbildung. Auftraggebende Institutionen erzeugen oftmals subtil wirksame Denk- Fühl- und Handlungsgebote – jene hidden curricula also, welche die offiziellen Curricula konterkarieren. TeilnehmerInnen agieren dann nicht selten im Sinne sozialer Erwünschtheit: sie werden zu CharakterdarstellerInnen, zur „richtig agierenden“ Person, um das Sozialkompetenz- Curriculum zu erfüllen. Der Zugang zu sich selbst wird damit um eine weitere Hürde erschwert....
Sind die TeilnehmerInnen selbst AuftraggeberInnen unserer Seminare/Lehrgänge, so lässt sich ein heimlicher Lehrplan durch die Arbeit an den Normen der Lehrgangsgruppe leichter transparent machen, da die nicht ausgesprochenen Erwartungen der Auftraggeber wegfallen.
Der Fokus unserer Aufmerksamkeit liegt in der Praxis gestaltpädagogisch orientierter Selbsterfahrung auf der persönlichen und zwischenmenschlichen, maximal organisationsbezogenen Ebene. Politische Relevanz entsteht durch die Unterstützung von Individuen und Teams, ihr unmittelbares Umfeld authentisch, selbstverantwortlich und kreativ zu gestalten.
Die Förderung des Kontakts zur eigenen Wahrnehmung, die Ermöglichung des "Eigen-Sinns", erlaubt Widerstand und konstruktive Auseinandersetzung mit Fremdbestimmtheiten. Erweiterte Kontakt- und Konfliktfähigkeit erlaubt mehr ko-kreative Gestaltungen mit den Menschen der privaten und beruflichen Umgebung.
Politische Relevanz beschränkt sich dennoch auf die Qualität des alltäglich gelebten Privat- und Berufsleben im Mikro- und Meso - Bereich. Die Makro-Ebene, der öffentliche, vielleicht auch überregionale politische Raum ist in der Praxis jedoch nicht Thema.


3. Mögliche Antworten von Gestaltpädagogik auf neue gesellschaftspolitische
Herausforderungen:
„Den öffentlichen Raum bespielen“ (2)

3.1 Dazu lässt sich aufgreifen, was wir in diesem Zusammenhang ohnehin schon bewirken:
Der in unseren Selbsterfahrungsgruppen eröffnete Erfahrungsraum und die oft nonverbale, köperorientierte oder raumorientierte Methodik erlauben (leichter als primär kognitive Methoden) die Erfassung von Wahrnehmungsgeboten und - verboten der oben erwähnten "hidden curricula". Die TeilnehmerInnen haben eine erhöhte Chance, aus ihren tieferen Schichten heraus ihre persönlich stimmige Antwort – und damit Ver-antwortung in Bezug auf Erlebtes zu finden, auch dann, wenn dies starken Gruppen – und Gesellschaftsnormen widerspricht. Kollektive Ideologien werden konfrontierbar mit der subjektiven Wahrheit von Wahr-nehmung. Bewusstheit über sich selbst ermöglicht Selbstbewusstsein auch dort, wo kollektive Normen uns bedrängen. Wir könnten diese kollektiven Normen und die damit verbundenen hidden curricula noch bewusster thematisieren, sobald sie erkennbar werden.

3.2 Der in gestaltpädagogischer Selbsterfahrung wirksame Aspekt des Vertrauens und der Wertschätzung in der Gruppe ermöglicht den nonverbalen Ausdruck, ebenso das Worte-Finden, Mitteilen, und nachfühlbar Machen durch die anderen Gruppenmitglieder. Oftmals weicht so ein als "einsames Leid" erlebtes Problem der Erkenntnis, dass Andere ähnliche Erfahrungen machen, dort wo strukturelle Ursachen verschiedene Personen in gleicher Weise betreffen. Vereinzelung kann dem gegenseitigen Verständnis weichen, Ohnmachtsgefühle können sich wandeln in Solidarität.
Gestaltpädagogik bildet also einerseits immer schon Ressourcen für politisches Handeln auf der Ebene der Persönlichkeit und der zwischenmenschlichen Kompetenzen aus. Emotionale Intelligenz ist hier ein bedeutsames Thema.

3.3 Für eine Stärkung des politischen Schwerpunkts besteht zusätzlich eine neue Herausforderung an die theoretisch - kognitiven Kompetenzen.
Gestaltpädagogik hat sich immer zu einem ganzheitlichen Bildungsanspruch ("Kopf-Herz-Hand") bekannt, die „Kopfarbeit“, die Kraft des Denkens ist mittlerweile rehabilitiert - nachdem sie in den Anfängen im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit für eine verkopfte Erziehung etwas hintangestellt worden war...
Die Ebene, die wir „im Kopf“ für Beschreibungen und Erklärungen belastender Phänomene wählen, ist in der Regel eine Vorgabe für diejenige Ebene, auf welcher wir zum Handeln kommen. Beschränken wir uns in Zeiten globaler politischer Veränderungen in den Erklärungsmodellen für unsere Alltagserfahrungen auf psychologische oder sozialpsychologische Konstrukte, auf die unmittelbar umgebenden Felder des Mikro- und Meso - Bereichs, so definieren wir uns als ohnmächtig gegenüber hochwirksamen Einflüssen des Makrobereichs.
Die transnationalen Konzerne und global agierenden Banken mit ihren unglaublich effizienten weltweiten Netzwerken können gegenwärtig ihre Interessen immer wieder erfolgreich bis in unsere alltägliche materielle und seelische Existenz durchdrücken, ohne dass eine demokratische Willensbildung ihnen nachhaltig Einhalt bieten könnte. Ein Beispiel sind die Klagsrechte von Konzernen gegen Staaten im Rahmen diverser Freihandelsabkommen (3)
Die in GP verwendeten Konstrukte zur Beschreibung von Strukturen und Prozessen auf der Mikro- und Meso-Ebene (zB Idenditätssäulen, Ich-Zustände, Ko-respondenzmodell, tetradisches Modell
Gruppenprozessmodelle ect ) sind für eine bessere Erfassung der politischen Dimension zu erweitern.
Dazu braucht es Konstrukte, welche als "Scharnierbegriffe" zum Makrobereich dienen:
zB. " Rasender Stillstand"( Hartmut Rosa, 2013 ), „Werkstolz versus Erschöpfungsstolz“(Stephan Grünewald, 2013) "Entfremdung" (Rahel Jaeggi, 2005) , "Independance und Interdependance" (Hazel Markus und Shinobu Kitayama in Zimbardo, 2008), "heimlicher Lehrplan - hidden curriculum" ( Philip W. Jackson, 1968, Anette Krauss 2007), "Strukturelle Gewalt"( Johann Galtung, 1969)
Die "Autoethnografie" als eine sozialwissenschaftliche Forschungsmethode wählt genau diesen Ansatz und kann als Anregung dienen (z.B. Autrey, 2003). Dadurch wird der politische Zusammenhang mit dem persönlichen Erleben erkennbarer, und die Frage nach Konsequenzen mit politischer Qualität stellt sich in differenzierter Form aus dem jeweiligen Zusammenhang heraus.

3.4 Wird der politische Aspekt innerhalb von Gestaltpädagogik aus dem Hintergrund geholt, so lassen sich im Bereich der Handlungskonsequenzen gut entwickelte, genuin gestaltpädagische Wege nützen: Die Vielfalt der in GP entwickelten Ausdrucksformen für die Wahrnehmung des eigenen Standpunkts bietet einen interessanten und sehr wertvollen Boden: Bilder und Skizzen, Plakate, Collagen, Tonformen, kreatives Schreiben, Soziale Skulpturen, Rollenspiel, Forum-Theater, Videos..... Sie lassen sich – wenn es zu einem Anliegen von TeilnehmerInnen wird - weiterentwickeln zu künstlerischen Interventionen im öffentlichen Raum. Diese finden in der Öffentlichkeit in der Regel eine bessere Aufmerksamkeit für ihre Botschaften als intellektuelle Analysen, welche erst dann auf Interesse stoßen, wenn sich die Adressaten emotional angesprochen fühlen. Das zeigen viele performative politische Aktionen, die von den Medien dankbar aufgegriffen werden. So erscheint es durchaus vorstellbar und "am Puls der Zeit", dass GP hier Ressourcen einbringen kann für politische Bewegungen. (4)

3.5 Wenn ein Seminarprozess den Bedarf sichtbar macht, ergibt sich für Gestaltpädagogik ein Bildungsauftrag auch darin, dass wir neben der Möglichkeit für künstlerischen Interventionen auch über andere Formen des zivilgesellschaftlichen Engagements informieren oder auch in einem Seminar explizit zum Thema machen:
zB: (Internet)campagnen, Foren, Interessensvertretungen, Partizipationsprozesse, Zukunftswerkstätten, youtube-Videos, poetry- slams, Tauschringe, Mitarbeit oder zumindest Mitgliedschaft bei NGOs, u.a.m.
3.6 Gestaltpädagogik ist ein Selbsterfahrungsweg mit politischer Tradition. In bestimmten historischen Kontexten hat sie den Charakter einer emanzipatorischen pädagogischen Veränderungsbewegung angenommen. Zu Zeiten Paul Goodmans, später auch in Form von Schulgründungen, oder in Lehrerinitiativen, die versucht haben, gestaltpädagogische Lehrgänge in pädagogischen Bildungsinstiutionen zu verankern.
Als Antwort auf die Veränderungen des „Globe“ können wir GestaltpädagogInnen die Chance ergreifen, das emanzipatorische Potential unserer radikal kontakt- und wahrnehmungsorientierten Pädagogik erneut zu aktivieren und einzubringen. Dort, wo Rahmenbedingungen des Arbeitens, Lernens und Lebens in die Vereinzelung, zu Selbstverleugnung und zu Ohnmachtsgefühlen führen. Um junge Bewegungen zu unterstützen auf ihrem Such - und Findeprozess hin zu Selbst - Bewusstheit und Selbstermächtigung, vom Ich zum Wir, zu kreativem politischen Handeln auf der Suche nach dem "guten Leben".

Literatur:
Autrey, Pamela Kay: The trouble with girls: Autoethonography and the classroom,
Louisiana State University, August 2003
Cohn, Ruth C.: Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Von der Behandlung
einzelner zu einer Pädagogik für alle. Stuttgart 1975.
Goodman, Paul: Das Verhängnis der Schule, Frankfurt 1975
Grünewald, Stephan: Die erschöpfte Gesellschaft.Warum Deutschland neu träumen muss.
Campus Verlag 2013
Jackson, Philip W. : Life In Classrooms, 1968
Jaeggi, Rahel: Entfremdung. Campus Verlag 2005
Krauss, Annette : The Hidden Curriculum Files. Casco 2007
Markus, Hazel und Kitayama, Shinobu, in Zimbardo P.G. Psychologie. S. 534, München 2008
Petzolt, Hilarion G.: (Hrsg): Psychotherapie und Körperdynamik 1974
Rosa, Hartmut: Beschleunigung und Entfremdung. Frankfurt 2013
Johan Galtung: „Violence, peace and peace research“ in: Journal of Peace Research, Vol. 6, No. 3 (1969)
(1)
Mikroebene:
Ebene der Einzelperson. Betrachtung des individuellen menschlichen Verhaltens und der Beziehungen d. Einzelnen zu seinem/ihrem direkten Umfeld
Mesoebene:
Gruppenebene, Organisation menschlichen Zusammenlebens: Institutionen, Betriebe, Vereine, Bildungsstätten, Parteien
Makrobene:
Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Subsystemen: wie Gesundheitssystem, Bildungssystem, das politische System, das Wirtschaftssystem und globale Systeme. Hier wird zwischenmenschliche Interaktion nur noch sehr mittelbar und abstrakt wirksam.
(2)zum Beispiel http://www.zeit.de/wirtschaft/2014-03/investitionsschutz-klauseln-beispiele
(3) Attac Österreich und Attac Deutschland führen zu diesem Zweck jährlich eine eigene Aktionsakademie als Bildungsveranstaltung durch. http://www.attac.at/events/aktionsakademie/was-ist-die-aktionsakademie.html und http://www.attac.de/index.php?id=13043 S

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letztes update 12/06/18