Kennen
Sie die Situation?
Alexander und Julian streiten. Kann man nichts machen - Kinder
streiten eben! Nach außen bleibe ich ruhig, versuche
mit den Kindern das Problem zu lösen. Aber wenn ich ehrlich
bin, muss ich mir eingestehen: Ich habe innerlich Partei ergriffen.
Mich ärgert Alexander auch. Ich kann nicht genau sagen,
was es ist. Ich bin überhaupt durch ihn leichter gereizt
als durch andere Kinder. Manchmal ist es sogar dasselbe Wort,
derselbe Streich und ich werde sauer ....eben nur bei Alexander,
nicht so schnell bei den anderen. (Erika)
Elterngespräch an der Tür. Die Mutter sagt: „Lena
hat schon wieder Husten!“ Ich fühle mich angegriffen
und beginne mich zu verteidigen. (Ich habe immer darauf geachtet,
dass die Kinder gut angezogen sind, als wir draußen
waren.) Das Gespräch entwickelt sich unbefriedigend.
Abends geht es mir noch immer durch den Kopf. Aber vielleicht
wollte mir Lenas Mutter gar keinen Vorwurf machen? Vielleicht
hatte sie ein schlechtes Gewissen, dass sie Lena trotz Erkältung
in den Kindergarten bringt? Oder sie wollte mir ihre Sorge
mitteilen, weil die zarte Lena seit Wochen eine Erkältung
nach der anderen hat? (Michi)
Teamsitzung – das Sommerfest soll geplant werden. Aber
die Stimmung ist angespannt, verkrampft. Gerade, als ich etwas
ansprechen will - gestern war da so eine kurze giftige Situation
zwischen einer Kollegin und ihrer Helferin -, da fragt die
– genau die – Kollegin, ob sie heute früher
gehen könnte, sie muss noch was Dringendes erledigen.
(Simone)
Der Kindergartenalltag sieht meist ganz anders aus, als die
vielen Bücher erzählen. Da gestaltet man eine (gut
vorbereitete) Umgebung, überlegt sich viele Anregungen
und Spiele, schreibt Wochenpläne und Konzepte. Und dennoch:
Die vielen kleinen Probleme zwischendurch mit Eltern, Kolleginnen
und Kindern zehren an der Substanz. Der Arbeitsalltag ist
neben aller Freuden und Erfolge auch mühsam und immer
wieder gibt es unlösbare Probleme, schwelende Konflikte,
kleine und große Schwierigkeiten.
Was mache ICH nicht richtig, fragen sich
viele Kindergärtnerinnen und stellen damit sich selbst
in Frage.
Genau an diesem Punkt setzt ein pädagogisches Konzept
an und verspricht gangbare Wege.
Gestaltpädagogik – was ist das?
Gestaltpädagogische Fortbildung: Vom Sollen zum
Sein!
Alltagsgeschichten sind immer wieder auch Thema einer gestaltpädagogischen
Fortbildung. Denn in der Gestaltpädagogik steht zunächst
die Pädagogin im Blickpunkt, erst später das Kind.
Die Erzieherinnen erforschen ihre Motivationen und unbewussten
Steuerungen indem sie sich mit ganz individuellen Fragen beschäftigen:
Wie war meine eigene Erziehung? Welche Menschen haben mich
gefördert und gefordert? Wie haben sie das getan? Wie
wären diese an ihre momentanen Probleme herangegangen?
Was sind meine inneren Verbote und Gebote, meine Ansprüche
und wie steuern sie mich im Alltag?
Persönliche Stärken und Schwächen sowie biographische
Muster werden reflektiert und es wird überprüft,
wie diese Muster den eigenen pädagogischen Stil beeinflussen.
Das ist für die meisten Kindergartenpädagoginnen
eine neue Erfahrung, da sie aus der Ausbildung gewohnt sind,
eher darüber nachzudenken, wie sie pädagogisch sinnvoll
handeln und sich verhalten sollten - wie sie sein
sollten , aber nicht wie sie sind
und sich dabei fühlen!
Durch diese Auseinandersetzung mit dem eigenen Gewordensein
und den Gefühlen kommt ein Prozess in Gang, der einen
wohlwollenden und gleichzeitig kritischen Kontakt zu sich
selbst und zu den anderen herstellt. Sich selbst mit seinen
Erfahrungen, Erlebnissen und „Erleidnissen“ (Viktor
Frankl) zu kennen verändert die Sichtweise und in der
Folge die Verhaltensweise zu anderen Menschen – man
selbst wird aufmerksamer, der Umgang miteinander wird achtsamer.
PädagogInnen, die ihre eigenen Gefühle wahrnehmen
und annehmen, können auch die Befindlichkeiten der Kinder
respektieren und mit ihnen angemessen umgehen.
Kontakt – Was bedeutet das?
Die Gestaltpädagogik sieht die menschliche Entwicklung
als Kontaktprozess.
- Kontakt zu sich selbst:
Wenn ich mich selber verstehe und kenne, kann ich bewusster
mein Verhalten steuern. Vor allem aber kommt durch das Erforschen
der eigenen Geschichte eine paradoxe Reaktion in Gang: Ich
verstehe meine Geschichte, meine Eigenarten und beginne mich
zu mögen. Und wenn ich vorher oft darüber gedacht
habe: das und das sollte ich ändern, beginne ich jetzt
zu akzeptieren, dass ich bin so wie ich bin.
- Kontakt zu den anderen:
Die Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu sein ist
die Voraussetzung zur Kontaktfähigkeit mit anderen.
Ich lasse sie sein, so wie sie sind. Ich muss nicht immer
daran denken, wie sie sein sollten und wohin ich sie erziehen
soll (schulfähig, sozial, ,,,) Ich vertraue auf die selbstorganisierenden
und selbststeuernden Kräfte im Kind.
Im Kontakt mit ihnen kann ich mich öffnen und einbringen
und mich auch abgrenzen . Ich bin in Kontakt mit der Situation
und reagiere flexibel auf das was kommt.
- Kontakt zum Thema:
In der Folge werden für die pädagogische Arbeit
im Kindergarten nicht irgendwelche Themen interessant, sondern
Themen, die eine persönliche Bedeutsamkeit haben, zu
denen die Kinder leicht (persönlichen) Kontakt herstellen
können. Auch die neue Hirnforschung belegt diese eher
philosophische Grundhaltung. Sie sagt, dass emotional wichtige
Themen die Aufmerksamkeit verstärken und die Gedächtnisleistung
intensivieren.
Aber wie mache ich das?
Gestaltpädagogik ist keine Methode und konzentriert sich
nicht auf die Erweiterung eines Methodenrepertoires oder die
Übernahme bestimmter Planungsschritte wie andere pädagogische
Konzepte.
Das erscheint auf den ersten Blick als Mangel, auf den zweiten
Blick als Chance. Ich kann mich an keinem äußeren
Methodengerüst anhalten. Ich bin in Krisensituationen
auf mich zurückgeworfen. Gestaltpädagogisch arbeitende
Pädagoginnen gehen davon aus, dass sie die richtige Methode
finden werden, wenn sie „bei sich“ und zugleich
„ganz in der Situation“ sind. Und dann geschieht
häufig etwas Paradoxes: Die Persönlichkeit ist das
was wirkt, nicht die Methode.
So fehlt dieser pädagogischen Richtung fast jedes Ungewöhnliche
oder Spektakuläre.
Mehr als alles andere geht es der Gestaltpädagogik um
die Entwicklung einer pädagogischen Haltung.
Diese Haltung kann man dadurch erkennen, dass der Kindergarten
mehr und mehr „Möglichkeitsraum“ für
Kinder wird, in dem sie „eingeladen“ werden, Inhalte
und Aspekte aufzugreifen, sich auf neue Entwicklungsschritte
einzulassen. Dadurch wird die Planung offen, situationsorientiert,
individuell. Lernen wird als „Wachstumsprozess“
verstanden. Ziele, Wege und Zeitstrukturen werden individuell
gesehen und Kinder mehr „gelassen“ als „erzogen“.
Die Atmosphäre in der Gruppe ist “bestärkend“.
Diese Haltung kann man auch an einem Realismus im Blick auf
das Machbare erkennen, ohne das Visionäre aus dem Auge
zu verlieren. Die Ansprüche an sich selbst und die anderen
werden überprüft.
Zurück zu den Ausgangsbeispielen:
Erika entdeckt in ihrer gestaltpädagogischen Fortbildung
, dass Alexander sie an ihren eigenen Bruder erinnert, der
immer alles durfte, während sie die vernünftige
große Schwester sein musste. Diese Erkenntnis macht
es ihr nun leichter, Konflikte mit Alexander zu lösen.
Bei Michi werden seit der gestaltpädagogischen Fortbildung
Elterngespräche entspannter. Sie hat sich im Laufe der
Selbsterfahrung mit ihren eigenen Ansprüchen auseinandergesetzt.
Simone lernt in den gestaltpädagogischen Seminaren Konflikte
im Team direkter anzusprechen und verliert ihre Angst vor
Missstimmungen.
Resumee:
Persönliche Entwicklung fördert die berufliche Kompetenz.
Sie macht Kindergarten-pädagoginnen damit zufriedener
und auch pädagogisch wirksamer.
Literatur
zum Thema:
René Reichel, Eva Scala: Das ist Gestaltpädagogik.
Ein Lehrbuch für die Praxis. Ökotopia 1996
Jörg Bürmann / Jürgen Heinel (Hrsg.) : Früchte
der Gestaltpädagogik. Ermutigte Lehrer – motivierte
Schüler: 20 Beispiele. Klinkhardt 2000
Gestaltpädagogik
kurz und bündig
Gestaltpädagogik ist ein umfassendes Konzept ganzheitlicher
Pädagogik. Sie verbindet die persönlichkeitsfördernden
Ansätze und Methoden verschiedener Richtungen der Humanistischen
Pädagogik und Psychologie (Gestalttherapie, Psychodrama,
TZI = Themenzentrierte Interaktion, personenzentriertes Lernen,
Gruppendynamik und systemische Konzepte) mit europäischen
Traditionen der Reformpädagogik.
Ziele der Gestaltpädagogik:
1. in Bezug auf die PädagogInnen:
- Steigerung von Selbstwahrnehmung in der Berufsrolle, in
Bezug auf die eigene Persönlichkeitsstruktur und die
Erziehungs- bzw. Lerngeschichte.
- Fähigkeit zur erweiterten und differenzierteren Wahrnehmung
der anvertrauten Kinder
- Fähigkeit zum Anbieten von Freiräumen wie zum
Erkennen und Setzen von Grenzen
- Verbesserung der Handlungsfähigkeit in der Institution
2.
in Bezug auf die Kinder / SchülerInnen :
- Ganzheitliches Lernen und Arbeiten
- Beachten des Gruppenprozesses
- Wertschätzung der Vielfältigkeit und Verschiedenheit
der Menschen
- Bearbeitung individueller emotionaler Entwicklungsblockaden
Inhalte und Arbeitsweisen:
- Integration von kognitiven , emotionalen und körperlichen
Aspekten von Entwicklung und Lernen
- Erkennen von Themen, die für die Gruppe oder den /
die Einzelne(n) persönlich bedeutsam sind
- Förderung selbstorganisierter Lernprozesse
Hier
geht es um uns!
Im Blickpunkt der Gestaltpädagogik steht zunächst
die Pädagogin selbst, die Entwicklung ihrer Persönlichkeit
und ihrer beruflichen Identität. Der wohlwollende und
kritische Kontakt zu sich selbst begleitetet alle Arbeitsschritte
gestaltpädagogischer Fortbildung.
Wie wirkt gestaltpädagogische Fortbildung?
Das
Zentrum für Kindergartenpädagogik der NÖ Landesregierung
hat in den letzten Jahren zwei Lehrgänge ausschließlich
für Kindergärtnerinnen durchgeführt. Ein weiterer
läuft zur Zeit.
Die 35 Absolventinnen der beiden abgeschlossenen Lehrgänge
wurden im Juni 2002 mit einem anonymen Fragebogen zur Wirkung
der gestaltpädagogischen Fortbildung befragt. (Lehrgang
1 liegt zum Zeitpunkt der Befragung bereits 2 Jahre zurück,
Lehrgang 2 wurde gerade beendet.) Das Durchschnittsalter liegt
bei 17 Dienstjahren.
Ergebnis:
Die Teilnehmerinnen beurteilen den Lehrgang rückblickend
als „stützend“, „ermutigend“,
„stärkend“ und beschreiben sich selbst in
ihrem beruflichen Selbstverständnis seither mit den Begriffen
„gelöst“, „gelassen“, „entspannt“.
Interessant ist das Ergebnis, da – entgegen dem gelegentlichen
Vorwurf, Fortbildung mit Selbsterfahrung diente überwiegend
dem privaten Leben und weniger dem Beruf – die Auswertung
klar ergibt, dass Gestaltpädagogik wohl auch Verbesserung
in anderen Lebensbereichen fördern konnte, aber die positiven
Veränderungen im beruflichen Bereich deutlicher sind.
Bei der Frage:
„Wie hat der Lehrgang deine Arbeit beeinflusst:
Im Umgang mit Kindern, im Umgang mit dem Team, im Umgang mit
den Eltern“ wird eine eindeutige Verbesserung
in allen Bereichen verzeichnet. Dieses Ergebnis bestätigt
eine gestaltpädagogische Grundthese: Wem es gelingt,
mit sich selbst wertschätzender und konstruktiver umzugehen,
dessen Kontakt zu andern verbessern sich fast automatisch.
Bei dem Punkt: “im Umgang mit dem Träger
und dem Land“ ist die Verbesserung nicht
ganz so stark, aber immerhin deutlich.
In der Folge sollen noch einige Teilnehmerinnen zur Sprache
kommen, die Ihre Erfahrung im Lehrgang und seine Wirkung im
beruflichen Alltag beschreiben:
„Vorrangig ist vor allem die Selbsterfahrung zu
nennen, die sich auf die Persönlichkeitsentwicklung sehr
positiv auswirkt. Die eigenen Stimmungen in den vielen Rollen,
die wir im Alltag innehaben können dadurch vielschichtiger
wahrgenommen werden . Die Art der Beobachtung hat eine andere
Dimension bekommen. Kontakte und Prozesse haben an Tiefe gewonnen
, Reflexionen sind ein wichtiger Teil meiner Arbeit geworden.
Diese neuen Erfahrungen – die früher auch bewusst
waren, aber nicht diese Bedeutung hatten - zeigen sich in
der Gestaltung des Kindergartenalltags, in dem den Kindern
ein sehr hohes Maß an Mitbestimmung und Eigenverantwortung
eingeräumt wird.“ (Marlies)
„Es war für mich unendlich wichtig, mich mit
mir intensiv auseinander zu setzen. Durch das Anschauen meiner
Entwicklungsgeschichte verstehe ich meine Handlungsmuster
und Reaktionen besser.
Erst wenn ich mich anschaue und kenne, kann ich weitere Schritte
unternehmen, ansonsten trete ich erfolglos auf dem Stand.“
(Waltraud)
„Die zwei Jahre waren auf alle Fälle eine Zeit
der persönlichen Entwicklung und Veränderung. Diese
Veränderung hat sich natürlich auch in meiner Tätigkeit
gezeigt. Durch Änderung mancher Haltung oder Einstellung
gehe ich an Probleme oftmals mit anderer Sicht heran, bleibe
ruhiger und überlegter, lasse mich nicht so schnell zu
überstürztem Handeln bewegen sondern ziehe ein breiteres
Spektrum von Problemerklärungsmodellen und Lösungsvorschlägen
in Erwägung. Ich habe gelernt, mehr bei mir , in meinem
Hier und Jetzt zu sein und achtsamer auf die Stimme aus meinem
Inneren zu hören.“ (Gabriele)
„Wenn ich über Veränderungen in meinem
Berufsalltag seit der gestaltpädagogischen Fortbildung
nachdenke, fällt mir vieles ein:
* Jeder Mensch ist in einer Gruppe sehr wichtig, so wie jedes
Kind in der
Kindergartengruppe. Und zwar durch sein SEIN , seine einmalige
Art, nicht nur durch das, was es kann und leistet. Das Annehmen
jeder "unterschiedlichen Art" ist eine große
Herausforderung, die mir seit dem Lehrgang wirklich Spass
macht. Auch wenn es manchmal sehr anstrengend ist, diese Unterschiedlichkeiten
in der Gruppe als Gewinn zu sehen und aufzugreifen.
* Die "vorbereitete Umgebung " war (und ist) mir
sehr wichtig. Seit dem
Lehrgang ist mir die Bedeutung der "vorbereiteten Erzieherin"
mindestens ebenso wichtig.
D. h. : Der Mensch ist wichtiger als Material!
* Ich habe Sicherheit im Umgang mit Elterngesprächen
und durch verschiedene Methoden gewonnen und gelernt, mich
in schwierigen Gesprächen zu üben.
Habe gelernt, mit autoritären Männern (Vätern)
besser umzugehen. Begegne
ihnen lächelnd und sicher.
* Gelassenheit in vielen Dingen : In Bezug auf Eltern, aber
noch mehr im
Kindergarten habe ich gelernt, nicht für jedes Problemchen
zuständig zu sein sondern auszuwählen und immer
wieder neu zu entscheiden, wo mein Arbeitseinsatz liegen muss.“
(Maria)
„Als ich die Ausbildung begann, fragten die Kinder
nach dem ersten Kurs ganz gespannt, was ich ihnen denn für
neue Spiele mitgebracht hätte. Ich aber erklärte
ihnen, das sei ein Kurs für mich, dass ich mich gut fühle,
und dann geht es uns auch gemeinsam besser. Erstaunen in den
Kindergesichtern?!
Nach längerer Zeit – ich habe wohl doch einiges
für die Kinder mitgebracht, und es hat sich in der Gruppe
was verändert – strahlt mich ein Vorschulkind an:
„Du ..., warst du wieder beim Gute-Laune-Kurs? Das war
lustig heute, als du dich so schön geärgert hast.
Kann meine Mutti auch mal dort hingehen, die ist nie so?“
(Karin)
Autorin:
Ursula Svoboda, Pädagogische Akademie der Diözese
Linz
Erschienen
in: "Unsere
Kinder" 5/03